100 Jahre Margaret-Morris-Methode in der Schweiz

Plakat « Leysin. Air et soleil », 1928. Plakat : Jacomo
In Farben tanzen
Allen, die glauben, dass alles durch den Geist erreicht werden könne, möchte ich sagen: Was immer wir glauben – solange wir auf dieser Erde leben, können wir nur durch den Körper handeln und kommunizieren.
Deshalb sollten wir, ungeachtet unserer Überzeugungen, Ambitionen und Bestrebungen, unseren Körper so jung und leistungsfähig wie möglich erhalten und lernen, mit Freude und Würde zu altern. Eines dürfen wir nicht vergessen: Je länger wir leben, desto wichtiger ist es, sich wohlzufühlen und das Leben zu geniessen.

Margaret Morris. My Life in Movement, 1969.

 

Die Margaret-Morris-Methode hilft, körperliches und seelisches Wohlbefinden wiederzufinden. Margaret Morris, gebürtige Engländerin mit klassischer Tanzausbildung, lehnte Haltungen ab, die sie als widernatürlich empfand, und entwickelte ein eigenes Bewegungsrepertoire im Einklang mit Gesundheit und körperlichem Wohlbefinden. Die Margaret-Morris-Methode wird seit 1926 in der Schweiz unterrichtet und ist heute weltweit verbreitet. Sie verbindet medizinische und ästhetische Aspekte der Bewegung und richtet sich an Erwachsene wie an Kinder. Tanz, Gymnastik, Körperausdruck und Haltungsschulung greifen dabei ineinander. Die Übungen fördern Muskulatur, Beweglichkeit, Gleichgewicht und Koordination und werden von eigens abgestimmter Musik begleitet. Der Atmung kommt dabei eine zentrale Rolle zu: Sie bildet die Grundlage jeder Übung. Ein Teil des Unterrichts ist klar strukturierten Bewegungsfolgen gewidmet, ein anderer dem freien Ausdruck.

Betty Jayet, Lehrerin der Margaret-Morris-Methode und ehemalige Präsidentin der Vereinigung

2026 feiert die Schweiz ein bedeutendes Jubiläum: 100 Jahre Margaret-Morris-Methode in der Schweiz.

1926 wurde die britische Tänzerin, Choreografin und Pädagogin Margaret Morris nach Leysin eingeladen, um gemeinsam mit Dr. Auguste Rollier an dessen wegweisenden Forschungen zu Gesundheit, Bewegung und Rehabilitation zu arbeiten. Aus dieser Begegnung entstand weit mehr als eine Methode für den therapeutischen Einsatz: Es formte sich das Bild eines medizinisch-touristischen Ortes, in dem das Klima Gesundheit und Vitalität fördert und in dem Margaret Morris für einen zutiefst humanistischen Zugang zur Bewegung steht.

Ein Jahrhundert später lebt die Methode in der Schweiz dank des Engagements von Pädagoginnen weiter, die ihre Prinzipien, Bewegungen, Rhythmen und Farben von Generation zu Generation weitergeben. Diese gelebte Tradition spiegelt sich im Archiv bestand der Schweizerischen Vereinigung der Margaret-Morris-Methode wider, der von der Stiftung SAPA bewahrt wird. Der zwischen 2019 und 2026 aufgebaute Bestand vereint persönliche und pädagogische Unterlagen mehrerer Lehrerinnen. Er dokumentiert die Geschichte der Methode, ihre Praxis, das Leben der Schweizer Vereinigung sowie die Beziehungen zur Gründerin und zur internationalen Vereinigung.

Der vielfältige Bestand umfasst pädagogische und organisatorische Dokumente, Bücher und Broschüren zu den verschiedenen Farbstufen, Notizen von Lehrerinnen, Fotografien von Kursen und Aufführungen, Presseartikel, Zeichnungen von Margaret Morris, Plakate, Korrespondenz, Postkarten und Objekte. All diese Zeugnisse verweisen auf ein lebendiges Erbe, in dem sich Bewegung, Atmung, Musik, Kreativität und Farbe begegnen. Der Bestand befindet sich weiterhin im Aufbau und umfasst heute nahezu einen Laufmeter. Er ist Erinnerung, Vermittlungsinstrument und tägliche Inspirationsquelle zugleich – ganz im Sinne einer Methode, die seit hundert Jahren das Leben in Farben tanzt.

Werdegang und Vermächtnis von Margaret Morris

Entstehung und Anfänge (1891–1913)

1891 | Margaret Morris wird in London geboren. Schon früh zeigt sie ein ausgeprägtes Interesse an Tanz und Kunst.

1903 | Ausgebildet von John D’Auban, choreografiert sie ihre ersten Tänze und löst sich vom klassischen Ballett. Als Pionierin des britischen modernen Tanzes beeinflusst sie unter anderem Ted Shawn und Ruth Saint Denis (USA).

1909 | Die Begegnung mit Raymond Duncan, dem Bruder von Isadora Duncan, macht sie mit griechischen Positionen vertraut, die sie in ihre eigene Technik integriert.

Werke: Orphée (Christoph Willibald Gluck); L’Oiseau bleu (Maurice Maeterlinck)

1910 | Sie eröffnet ihre erste Schule in London und entwickelt einen ganzheitlichen Bewegungsansatz, der Tanz, Körpererziehung und Gesundheit verbindet.

Werke: The Little Dream (John Galsworthy); The Birth of Arthur (Rutland Boughton)

1913 | In Paris begegnet sie dem Maler J. D. Fergusson, der ihr Lebensgefährte wird. Der Dialog zwischen Malerei und Tanz prägt ihre Suche nach dem Zusammenhang von Bewegung, Form und Farbe.

 

“I first realised the absolute necessity of relating movement with form and colour when studying painting of the modern movement in Paris in 1913” (1925)

Verbreitung und Anerkennung (1926–1939)

1926 | Leysin: Bewegung im Dienst der Gesundheit

Margaret Morris wird von Dr. Auguste Rollier nach Leysin eingeladen, einem Pionier der Heliotherapie zur Behandlung von Knochentuberkulose. Überzeugt davon, dass Bewegung den Heilungsprozess unterstützt, passt sie ihre Methode an die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten an und legt den Schwerpunkt auf Atmung, Beweglichkeit und Gleichgewicht.

Von 1926 bis 1956 unterrichten Lehrerinnen jedes Jahr in den Kliniken von Leysin. Die Methode wird dort von Madeleine Rollier, der Tochter des Arztes, entdeckt. IhreSchwester Suzanne Chapuis lässt sich anschliessend in London bei Margaret Morris ausbilden und trägt die Methode danach in die Schweiz. Auch Constance Ochsenbein wirkt an ihrer Verbreitung in Lausanne, Genf, Gstaad und Montreux mit.

1928 | Margaret Morris entwickelt ein System zur Notation von Bewegung: Danscript, bekannt unter der Bezeichnung Margaret Morris Movement (MMM).

1939 | Der Krieg unterbricht ihre internationalen Aktivitäten. Nur das Zentrum in Glasgow bleibt aktiv. 1940 gründet Margaret Morris den Celtic Ballet Club, 1947 das Celtic Ballet of Scotland, aus dem später das Scottish National Ballet hervorgeht. Diese Zeit ist geprägt von einer kreativen Erneuerung, in der sich ihre Methode mit Tradition und der Poesie der Bewegung verbindet.

Werke: The Forsaken Mermaid (1940); Chant Hindu (1947)

Weitergabe und Fortbestand (1961–1980)

1961 | Nach dem Tod ihres Lebensgefährten schliesst sie ihre wichtigsten Schulen, doch die Bewegungskurse entwickeln sich weiterhin erfolgreich. Die Methode verbreitet sich in Schulen, Spitälern und Rehabilitationszentren.

1976 Die Schweizer Vereinigung wird gegründet; bald darauf entstehen weitere Vereinigungen in Frankreich, Kanada, Deutschland und Japan.

1978 | Die Schweizer Vereinigung veröffentlicht die erste Ausgabe von Arabesque, einem Bulletin für Ausdruck und Kreation, das allen offensteht. Die Zeitschrift zeugt von der Lebendigkeit der Bewegung in der Schweiz und ihrem Geist des Teilens.

1980 | Margaret Morris stirbt und hinterlässt ein bedeutendes künstlerisches, pädagogisches und therapeutisches Erbe. Ihre Methode wird bis heute weltweit praktiziert.

 

Jubiläen und Würdigungen (1986–2026)

1986 | Die Schweizer Vereinigung feiert 60 Jahre Margaret-Morris-Methode in der Schweiz mit einer Reihe festlicher Veranstaltungen und öffentlicher Vorführungen. Dieses Jubiläum, gewürdigt von Jim Hastie – künstlerischer Leiter des Margaret Morris Movement und von Margaret Morris als Nachfolger für die Weiterentwicklung der Methode bestimmt–, verdeutlicht die Kontinuität und die Verankerung der Methode in der Schweizer Kulturlandschaft.

1996 | Zum 70-jährigen Bestehen der Methode in der Schweiz rückt die Vereinigung den Reichtum dieses Erbes mit Aufführungen, Workshops und Publikationen ins Zentrum. Die Veranstaltung unterstreicht die Treue der Praktizierenden und die Weitergabe eines bis heute lebendigen Körperwissens.

2016 | Anlässlich des 90. Jahrestags der Einführung der Methode in der Schweiz organisiert die Vereinigung mehrere festliche Veranstaltungen und Begegnungen rund um Bewegung, Gesundheit und Kreativität – eine Feier des Körpers im Einklang mit dem Geist von Margaret Morris.

2026 | Zwischen Erinnerung, Weitergabe und Kreation würdigt dieses hundertjährige Jubiläum die Lebendigkeit und den Reichtum dieses Erbes und bekräftigt zugleich seine Fähigkeit, sich immer wieder neu zuerfinden und an kommende Generationen weitergegeben zu werden.

Grundlagen und Wirkung der Margaret-Morris-Methode

 Die Margaret-Morris-Methode verbindet Bewegungsausdruck, Ästhetik, Körperpflege und einen ganzheitlichen Ansatz. Ihre Praxis beruht auf drei grundlegenden Pfeilern:

  • Atmung: Als Grundlage jeder Bewegung unterstützt sie die Ausführung, löst Spannungen und belebt den Körper. Eine kontrollierte Atmung fördert Ausdauer, einen freieren Kreislauf und eine stärkere Präsenz bei sich selbst.
  • Gegenbewegung: Indem die natürliche Bewegung des Körpers und das Zusammenspiel der Richtungen – Dehnung, Rotation und Verankerung – betont werden, fördert die Methode Koordination, Gleichgewicht und eine stabile Haltung. Dieses Prinzip schafft eine innere Dynamik, die die Fliessfähigkeit und Präzision der Bewegung unterstützt.
  • Beweglichkeit der Wirbelsäule: Als zentrale Achse der Bewegung wird die Wirbelsäule in ihrer natürlichen Flexibilität angesprochen. Regelmässige Pflege beugt Steifheit, Rückenschmerzen und Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit vor.

Nutzen für die Gesundheit

Dieser ganzheitliche Ansatz bietet zahlreiche gesundheitliche Vorteile: Er verbessert die Haltung, kräftigt sanft die tiefe Muskulatur, fördert die Beweglichkeit, steigert die Atemkapazität der Lunge und stärkt das Körperbewusstsein im Raum. Er richtet sich an Menschen jeden Alters und begleitet sowohl die künstlerische Praxis als auch das tägliche Wohlbefinden.

In diesem Sinne entwickelte Margaret Morris eine Bewegungstherapie auf der Grundlage strukturierter Übungen zu Atmung, Entspannung, Körperhaltung, Gleichgewicht und Beweglichkeit. Als Beitrag zur ganzheitlichen Gesundheit zeugt dieser Ansatz von der Aufmerksamkeit, die dem Körper in all seinen Dimensionen gewidmet wird.

Farben und Musik

Die Margaret-Morris-Methode zeichnet sich auch durch ihre farbige Welt aus. Jede Farbe steht für eine bestimmte Energie und einen körperlichen Zustand. Farbe wirkt zugleich als Arbeitsimpuls und als Gradmesser für die Vertiefung und Beherrschung der Bewegung. So begleitet sie den Fortschritt der Praktizierenden.

Die Methode ist in aufeinander aufbauende Stufen gegliedert, die aus kodifizierten Übungen bestehen und nach und nach Koordination, Haltung und Ausdrucksqualität entwickeln. Einige tragen bildhafte Namen – etwa der Pfauengang, eine Übung des 3. Grades (Türkis) im Kinderprogramm. Dies zeigt, welchen Stellenwert Vorstellungskraft und Freude an der Bewegung im Lernprozess haben. Farbschärpen machen diesen Fortschritt sichtbar und verankern die Körperarbeit in einem stimmigen, auf Entwicklung angelegten Weg.

Die Bewegung wird stets von Musik begleitet, die sie trägt und unterstützt. Margaret Morris mass der Musik eine wesentliche Bedeutung bei: Alle Übungen sind im Dialog mit ihr konzipiert und stärken die expressive und rhythmische Qualität der Bewegung.

Ein zentraler Platz für die Improvisation

Die Methode räumt der Improvisation einen zentralen Stellenwert ein. „Ich gebe die Grundbewegungen vor, und Sie bauen darauf auf“, sagte Margaret Morris häufig.

Die Technik bildet ein unverzichtbares Fundament. Die Improvisation erlaubt jedoch, sich von ihr zu lösen und einen Raum für Kreativität und persönlichen Ausdruck zu öffnen.

Seit 2025 betont die Schweizer Vereinigung diese Dimension noch stärker. Darin zeigt sich die lebendige Weiterentwicklung der Methode – ganz im Sinne von Margaret Morris.