Marion Junaut

Notizheft, ohne Datum, Marion Junaut
Dokumente eines bewegten Lebens
Bestand gelagert in
Lausanne

Marion Junaut war eine Schweizer Tänzerin und Choreografin. Sie wurde 1928 geboren und starb im Alter von 85 Jahren in Neuenburg. In ihrer Heimatstadt leitete sie eine eigene Tanzakademie und verfolgte zugleich eine internationale Karriere, die sie vor allem durch Europa führte. Überwiegend trat sie als Solistin auf – unter anderem in London, Athen, Siena und Paris. In ihren Darbietungen verband sie Einflüsse und Techniken aus verschiedenen Tanzdisziplinen.

Bereits mit 15 Jahren erwarb Marion Junaut an der Sauerbeckschule in Bern ihr erstes Tanzdiplom. Anschliessend setzte sie ihre Ausbildung im klassischen Tanz bei Léo Staats, dem Direktor des Conservatoire de chorégraphie in Paris, sowie bei Olga Preobrajenska fort. Akrobatik studierte sie bei André Guichot. In die «danse typique noire» wurde sie von ehemaligen Mitgliedern der Tanzkompanie von Katherine Dunham eingeführt.

Darüber hinaus absolvierte sie in Italien wiederholt Lehrgänge in «freiem Tanz» bei Clotilde und Alexandre Sakharoff und vertiefte den modernen Tanz bei Harald Kreuzberg. Weitere Studien galten der Pantomime, der Graham-Technik sowie der russischen und polnischen Folklore. Marion Junaut stand bis 1986 als Tänzerin auf der Bühne und unterrichtete bis 1992 an ihrer Akademie.

Der Bestand Marion Junaut

2016 übernahm die Stiftung SAPA den Nachlass von Marion Junaut. Dieser umfasst eine grosse Vielfalt an Dokumenten: Schwarz-Weiss-Fotografien und Filme, die Marion Junaut bei der Aufführung ihres Repertoires zeigen, Korrespondenzen, von ihr zusammengestellte Presseartikel, Programme ihrer Tanzabende sowie eigene Texte über den Tanz. Ihre Schriften lassen eine engagierte, starke und kompromisslose Persönlichkeit erkennen.

Der Bestand dokumentiert zudem das Schaffen Marion Junauts als vielseitige Künstlerin. Dazu gehören bemalte Holzobjekte, Linolschnitte, Bühnenkostüme und Masken, die sie ausstellte oder bei ihren Auftritten trug, sowie mehr als 1’000 Zeichnungen und Skizzen. Diese zeugen von ihrem aussergewöhnlich frühen zeichnerischen Talent: Bereits im Alter von zwei Jahren begann sie, historische Kleidung und traditionelle Trachten zu zeichnen. Später widmete sie sich Linien, Formen und Bewegungen sowie den Kostümen ihres Repertoires. Die Entwürfe machen ihren Recherche- und Entwicklungsprozess unmittelbar nachvollziehbar.

Der Nachlass Marion Junaut zeichnet sich durch seine hohe Qualität und aussergewöhnliche Vielfalt aus. Die einzelnen Bestandteile lassen sich miteinander in Beziehung setzen und ermöglichen es, den künstlerischen Prozess Marion Junauts detailliert nachzuverfolgen.

Digitalisierte und online verfügbare Filme

Der Bestand Marion Junaut kann am SAPA-Standort in Lausanne sowie online frei konsultiert werden.

Bild 1: Kostümentwurf für Choral, ohne Datum, Marion Junaut // Bild 2: In Choral getragenes Kostüm, ohne Datum, Marion Junaut

Archivdokumente im Dialog: die Produktion «Choral»

Rund um Marion Junauts Produktion «Choral» sind im Nachlass verschiedene Arten von Archivdokumenten erhalten. Werden sie miteinander in Beziehung gesetzt, ergänzen sie sich gegenseitig und ermöglichen es, die einzelnen Phasen der Entstehung, Weitergabe und Verbreitung des Werks nachzuvollziehen.

«Choral», bisweilen auch unter dem Titel «Choral (Hommage à Fra Angelico)» aufgeführt, ist – wie der Name bereits andeutet – eine Hommage an den italienischen Maler und Dominikanermönch Fra Angelico aus dem 15. Jahrhundert. Getanzt wird das Stück zu Musik von Johann Sebastian Bach. Die Choreografie wurde Marion Junaut von Clotilde und Alexandre Sakharoff vermittelt, bei denen sie insbesondere ihre Kenntnisse im «freien Tanz» vertiefte.

Anhand des Nachlasses lässt sich die Entstehungsgeschichte der Produktion Schritt für Schritt verfolgen. Er enthält unter anderem Kostümskizzen sowie das von Marion Junaut selbst angefertigte Bühnenkostüm, das vermutlich von den Kostümen des Künstlerpaares Sakharoff inspiriert war. Schwarz-Weiss-Fotografien zeigen Junaut bei der Interpretation des Stücks und vermitteln einen Eindruck von dessen Umsetzung auf der Bühne. Die Choreografie wurde ausserdem filmisch festgehalten und kann online angesehen werden.

Die Programme der Tanzabende, die Marion Junaut in der Schweiz und im Ausland gab, dokumentieren die Aufführungsorte von «Choral». Sie belegen die weite Verbreitung der Choreografie, die während mehr als zwanzig Jahren – von 1956 bis 1979 – in verschiedenen Städten der West- und Deutschschweiz sowie in Siena, Mailand, London, Athen und Paris gezeigt wurde.

Das Zusammenspiel der verschiedenen Dokumente – Skizzen, Kostüm, Fotografien, Film und Programme – ermöglicht es, die Entwicklung von «Choral» von der Entstehung bis zur Weitergabe nachzuvollziehen. Die Verknüpfung der einzelnen Quellen dokumentiert sowohl den künstlerischen Prozess als auch die Geschichte des Werks.